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2026.05.13

VwGH: eine Konzernholding ist nicht automatisch gemeinsam Verantwortliche nach Art. 26 DSGVO (de)

Hintergrund

Die Datenschutzbehörde (DSB) hatte mit Straferkenntnis vom 12. Oktober 2021 über eine Aktiengesellschaft eine Geldbuße in Höhe von € 8.000.000 sowie einen Verfahrenskostenbeitrag von € 800.000 verhängt. Vorwurf: Die ab dem 2. Mai 2019 zur Einholung von Einwilligungen für Profiling im Rahmen eines Multipartner-Kundenbindungsprogramms verwendeten Formulare hätten den Anforderungen an eine wirksame Einwilligung nach Art. 4 Z 11 iVm Art. 5 Abs. 1 lit. a und Art. 7 DSGVO nicht entsprochen; die nachfolgenden Verarbeitungen seien daher ohne tauglichen Erlaubnistatbestand iSd Art. 6 Abs. 1 DSGVO erfolgt.

Die DSB stützte die Verantwortlichkeit der Holding gemeinsam mit der operativ tätigen Tochtergesellschaft auf Art. 4 Z 7 iVm Art. 26 DSGVO.

Verfahrensgang

Das Bundesverwaltungsgericht (BVwG) gab mit Erkenntnis vom 28. Mai 2024 (W176 2249328-1/7E) der Beschwerde der Holding Folge, hob das Straferkenntnis auf und stellte das Verwaltungsstrafverfahren ein. Es verneinte das Vorliegen einer gemeinsamen datenschutzrechtlichen Verantwortlichkeit.

Die DSB erhob Amtsrevision an den Verwaltungsgerichtshof (VwGH).

Entscheidung des VwGH

Der VwGH hat die Revision mit Beschluss vom 14. April 2026, Ra 2024/04/0375, mangels Vorliegens einer Rechtsfrage von grundsätzlicher Bedeutung iSd Art. 133 Abs. 4 B-VG zurückgewiesen (§ 34 Abs. 1 VwGG). Damit ist die Aufhebung des Straferkenntnisses durch das BVwG rechtskräftig.

Tragende Erwägungen

Der VwGH bestätigt die Anwendung der gefestigten EuGH-Judikatur durch das BVwG. Verantwortlich ist, wer "aus Eigeninteresse auf die Verarbeitung personenbezogener Daten Einfluss nimmt und damit an der Entscheidung über die Zwecke und Mittel dieser Verarbeitung mitwirkt" (Rn. 21 unter Hinweis auf u.a. EuGH 7.3.2024, C-604/22, IAB Europe; 5.12.2023, C-683/21, Nacionalinis visuomenės sveikatos centras; 10.7.2018, C-25/17, Jehovan todistajat).

Maßgeblich ist die tatsächliche Entscheidung sowohl über das "Warum" (Zweck) als auch über das "Wie" (Mittel) der konkreten Verarbeitung (Rn. 24). Für vor- oder nachgelagerte Vorgänge in der Verarbeitungskette, für die der Betreffende weder Zwecke noch Mittel festlegt, besteht keine Verantwortlichkeit (Rn. 22 unter Hinweis auf EuGH C-40/17, Fashion ID).

Im konkreten Fall hatte sich die Tätigkeit der Holding auf zwei Aspekte beschränkt:

  • die strategische Festlegung in der Konzeptionsphase (ab 2017), ein eigenes Multipartner-Kundenbindungsprogramm einzurichten, und
  • die Gründung der operativen Tochtergesellschaft (mittelbar über eine Dienstleistungs-GmbH) samt Bereitstellung der erforderlichen finanziellen und personellen Mittel.

Nach Aufnahme des operativen Betriebs im Mai 2019 war die Holding in die konkrete Ausgestaltung der Datenverarbeitungstätigkeiten, der Einwilligungserklärungen, der Datenschutzerklärung, des Verarbeitungsverzeichnisses sowie der technischen und organisatorischen Maßnahmen nicht mehr involviert (Rn. 6).

Der VwGH folgt der Würdigung des BVwG, dass damit gerade keine "gewollte und bewusste Zusammenarbeit" iSd EuGH-Rechtsprechung vorliege (Rn. 28). Vielmehr zeige der von der DSB selbst hervorgehobene Umstand, dass die Holding "keinerlei Leitungs- und Kontrolltätigkeiten" in Bezug auf die Tochter ausgeübt habe, das Fehlen der erforderlichen Einflussnahme auf Zwecke und Mittel.

Eine Parallele zu Nacionalinis visuomenės sveikatos centras (C-683/21) verneint der VwGH ausdrücklich: Anders als dort sei die Tochtergesellschaft nicht mit der Entwicklung einer konkreten IT-Anwendung zur Durchführung der Datenverarbeitungen beauftragt worden (Rn. 26).

Praktische Bedeutung

Für die Beratungspraxis im Konzern liefert der Beschluss konkrete Anhaltspunkte.

Nicht ausreichend zur Begründung einer gemeinsamen Verantwortlichkeit der Konzernmutter sind nach dieser Entscheidung:

  • die strategische Konzeptentscheidung für ein datenverarbeitungsgestütztes Programm,
  • die Gründung einer operativ tätigen Tochtergesellschaft,
  • die Bereitstellung finanzieller und personeller Mittel sowie
  • die Beteiligungsstruktur als solche.

Im Einzelfall bleibt zu prüfen, ob die Holding nach Aufnahme des operativen Betriebs weiterhin Einfluss auf Zwecke und Mittel der konkreten Verarbeitungen nimmt. Personelle Verflechtungen in den Leitungsorganen, fortlaufende Weisungen, die gemeinsame Beauftragung einer konkreten IT-Anwendung oder eine inhaltliche Steuerung der Datenverarbeitung können das Ergebnis verschieben.

Kontext

Der Beschluss erweitert die Judikatur dogmatisch nicht — die Kriterien sind durch die EuGH-Rechtsprechung und den VwGH (zuletzt VwGH 27.3.2025, Ro 2022/04/0023) bereits geklärt. Seine Bedeutung liegt in der Anwendung dieser Kriterien auf eine typische Konzernkonstellation und in der Bestätigung, dass strategische Gründungs- und Finanzierungsentscheidungen einer Holding für sich allein nicht in eine gemeinsame Verantwortlichkeit nach Art. 26 DSGVO münden. Eine Vorlage an den EuGH nach Art. 267 AEUV war nicht erforderlich (Rn. 30).

Quelle

VwGH 14.4.2026, Ra 2024/04/0375; ECLI:AT:VWGH:2026:RA2024040375.L00.

Über Sabadello Legal

Sabadello Legal berät Unternehmen in datenschutzrechtlichen Fragen: von der laufenden DSGVO-Compliance über die Gestaltung von Auftragsverarbeitungsverträgen und Joint-Controller-Vereinbarungen bis zur Vertretung gegenüber der Datenschutzbehörde und vor den Verwaltungsgerichten. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Unterstützung von Unternehmen aus Drittstaaten bei der DSGVO-Compliance ihrer Datenflüsse in den EWR sowie auf datenschutzrechtlichen Fragestellungen in Konzernstrukturen. Ebenso beraten wir zu datenschutzrechtlichen Fragestellungen im Dienstverhältnis.

Kontakt

RA Mag. Andreas Sabadello
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Tel: +43 1 997 19 30
E-Mail: office@sabadello.legal

Hinweis

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine rechtliche Beratung im Einzelfall.

2026.05.13

Austrian Supreme Administrative Court confirms a parent company is not automatically a joint controller under Article 26 GDPR (en)

Background

In October 2021, the Austrian Data Protection Authority (Datenschutzbehörde, DSB) imposed an administrative fine of EUR 8 million, plus EUR 800,000 in procedural costs, on the parent company of an Austrian corporate group. The DSB argued that the consent forms used from 2 May 2019 onwards for profiling within a multi-partner customer loyalty programme failed to meet the requirements for valid consent under Article 4(11) read with Article 5(1)(a) and Article 7 GDPR. The subsequent processing operations therefore allegedly lacked any lawful basis under Article 6(1) GDPR.

The DSB attributed responsibility for those processing activities to the parent company as a joint controller alongside the operational subsidiary, relying on Article 4(7) in conjunction with Article 26 GDPR.

Procedural history

By judgment of 28 May 2024 (W176 2249328-1/7E), the Austrian Federal Administrative Court (Bundesverwaltungsgericht, BVwG) upheld the parent company's appeal, set aside the administrative penalty and discontinued the proceedings. It rejected the qualification of the parent as a joint controller.

The DSB then lodged an official appeal (Amtsrevision) before the Austrian Supreme Administrative Court (Verwaltungsgerichtshof, VwGH).

The VwGH's decision

By order of 14 April 2026 (Ra 2024/04/0375), the VwGH rejected the appeal as inadmissible for lack of a question of fundamental legal importance within the meaning of Article 133(4) of the Austrian Federal Constitution (Section 34(1) VwGG). As a result, the BVwG's reversal of the administrative penalty is now final.

Key reasoning

The VwGH endorsed the BVwG's application of settled CJEU case law. A controller is any natural or legal person who, in pursuit of its own interests, exerts influence on the processing of personal data and thereby participates in the determination of the purposes and means of that processing (para. 21, citing inter alia CJEU 7 March 2024, C-604/22, IAB Europe; 5 December 2023, C-683/21, Nacionalinis visuomenės sveikatos centras; 10 July 2018, C-25/17, Jehovan todistajat).

What matters is the actual decision both on the "why" (purpose) and the "how" (means) of the specific processing operation (para. 24). There is no controllership for upstream or downstream operations in the processing chain whose purposes and means the entity does not in fact determine (para. 22, citing CJEU C-40/17, Fashion ID).

In the case at hand, the parent company's involvement was confined to:

  • a strategic decision, taken during the concept phase from 2017 onwards, to set up an in-house multi-partner customer loyalty programme; and
  • the incorporation of the operating subsidiary (indirectly, via a group service company), together with the provision of the necessary financial and personnel resources.

Once the subsidiary began operations in May 2019, the parent was no longer involved in shaping the actual data processing activities, the consent declarations, the privacy notice, the record of processing activities or the technical and organisational measures (para. 6).

The VwGH agreed with the BVwG that this constellation precisely lacks the "deliberate and conscious cooperation" required by CJEU case law to establish joint controllership (para. 28). In fact, the DSB's own contention that the parent had carried out "no management or control activities whatsoever" with regard to the subsidiary demonstrated the absence of any genuine influence on purposes and means.

The VwGH expressly distinguished the case from Nacionalinis visuomenės sveikatos centras (C-683/21): unlike there, the subsidiary here was not commissioned to develop a specific IT application for carrying out the processing operations (para. 26).

Practical implications

For day-to-day advisory work in corporate groups, the order offers concrete reference points.

According to the VwGH, the following are not sufficient, taken alone, to establish joint controllership of a parent company under Article 26 GDPR:

  • a strategic decision to launch a data-driven programme;
  • the incorporation of an operating subsidiary;
  • the provision of financial and personnel resources; and
  • the mere shareholding structure.

Whether joint controllership nevertheless arises will continue to depend on the specifics of each case. Factors that may shift the analysis include overlapping board members, ongoing instructions from the parent, joint commissioning of a specific IT application, or continuing substantive steering of the processing activities by the parent.

Wider context

The order does not extend the case law in doctrinal terms — the relevant criteria are already settled by the CJEU and by earlier VwGH case law (most recently VwGH 27 March 2025, Ro 2022/04/0023). Its significance lies in the application of those criteria to a typical group structure and in the confirmation that a parent company's strategic incorporation and funding decisions do not, on their own, give rise to joint controllership under Article 26 GDPR. For this reason, a preliminary reference to the CJEU under Article 267 TFEU was not necessary (para. 30).

Source

VwGH 14 April 2026, Ra 2024/04/0375; ECLI:AT:VWGH:2026:RA2024040375.L00.

About Sabadello Legal

Sabadello Legal advises companies across all industries on data protection matters: from ongoing GDPR compliance and the drafting of data processing agreements and joint controller arrangements to representation before the Austrian Data Protection Authority and the administrative courts. A particular focus lies on supporting non-EEA companies with GDPR compliance for their data flows into the EEA, as well as on data protection issues within corporate group structures. We also advise on data protection issues arising in the employment context.

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Andreas Sabadello, Attorney at Law
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2026.05.12

Informationspflicht nach § 109 ArbVG: Neuer Fachbeitrag von Erwin Fuchs (de)

Kurzfassung

Unser Partner RA Mag. Erwin Fuchs hat einen neuen Fachbeitrag zur Informationspflicht des Arbeitgebers nach § 109 ArbVG veröffentlicht. Ausgangspunkt ist die OGH-Entscheidung 9 ObA 88/23s, in der es um die Frage ging, wie ein Arbeitgeber den Betriebsrat bei betrieblichen Änderungen informieren muss und welche Rolle dabei Beratung, Beteiligungsrechte, Vorschlagsrecht, Fragenlisten, Dokumentation und Compliance spielen.

Im Zentrum stehen eine betriebliche Organisationsreform, Effizienz- und Prozessprobleme, Digitalisierungsdefizite, die rechtzeitige Übermittlung von Unterlagen, ein angebotener Beratungstermin, die Bewertung einer überschießenden Fragenliste, die begehrte einstweilige Verfügung sowie die vom OGH betonte Einzelfallprüfung und Gesamtbetrachtung.

Der Beitrag zeigt, worauf Unternehmen in der Praxis achten sollten, wenn sie Umstrukturierungen oder sonstige betriebliche Änderungen umsetzen: frühzeitige und nachhaltige Information, reale Beratung, eine inhaltliche Prüfung von BR-Fragenlisten und eine belastbare Dokumentation der einzelnen Schritte.

Den vollständigen Beitrag von Erwin Fuchs finden Sie hier:
Wie muss der Arbeitgeber den Betriebsrat bei betrieblichen Änderungen informieren?

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